Prestige-Whisky: eine rentablere Anlage als die Börse?
Kann Prestige-Whisky klassische Geldanlagen tatsächlich übertreffen? Die Zahl, die Aufmerksamkeit erregt, ist spektakulär: Laut dem Knight Frank Luxury Investment Index ist der Wert seltener Whiskys um etwas mehr als 190 % in zehn Jahren gestiegen. Für sich allein betrachtet erweckt dieses Ergebnis den Eindruck einer unschlagbaren Anlage. Für einen Privatanleger lautet die richtige Frage jedoch nicht nur „Wie stark ist der Index gestiegen?“: Auch Liquidität, Gebühren, der Zustand der Flasche und die Möglichkeit des Wiederverkaufs müssen berücksichtigt werden.
Wer Prestige-Whisky mit dem CAC 40, Gold oder dem Livret A vergleicht, sollte daher vorschnelle Schlüsse vermeiden. Die verfügbaren Daten beziehen sich nicht alle auf denselben Zeitraum: Whisky ist über zehn Jahre dokumentiert, der CAC 40 anhand einer durchschnittlichen Rendite seit 2001 und Gold anhand eines Zwanzigjahresvergleichs zwischen 1998 und 2018. Für den Livret A liegt hier keine verwertbare Zahl vor. Dennoch lässt sich eine nützliche Schlussfolgerung ziehen: Die ausgewiesene Wertentwicklung seltener Whiskys ist bemerkenswert, wird aber für den Käufer einer Flasche nicht automatisch zu einer Nettorendite.
Seltener Whisky, CAC 40 und Gold: Was sagen die Zahlen wirklich?
Ausgangspunkt sind die +190 % in zehn Jahren, die der Knight Frank Luxury Investment Index seltenen Whiskys zuschreibt. Dabei handelt es sich um eine beobachtete Wertsteigerung einer Kategorie von Sammlerwerten und nicht um das Versprechen, dass eine heute gekaufte Flasche morgen dieselbe Entwicklung zeigen wird.
Für den CAC 40 weist eine andere Datenreihe eine durchschnittliche Rendite von 1,25 % pro Jahr ohne Dividenden und 4,15 % mit Dividenden seit 2001 aus. Derselbe Datensatz erinnert außerdem daran, dass der CAC 40 mehrere negative Jahre oder Jahre ohne Wachstum erlebt hat. Genau diese Volatilität veranlasst manche Anleger dazu, nach alternativen Vermögenswerten zu suchen.
Gold bietet einen weiteren Vergleichspunkt. 100 €, die Ende 1998 in physisches Gold investiert wurden, wären Ende 2018 453 € wert gewesen, gegenüber 194 € für 100 €, die im selben Zeitraum in einen an den CAC 40 gekoppelten Vermögenswert investiert wurden, ohne Verwahrkosten. Auch hier geht es um zwanzig und nicht um zehn Jahre: Es wäre irreführend, diese Zahlen so nebeneinanderzustellen, als stammten sie aus einem Rennen über dieselbe Distanz.
Der sinnvollste Vergleich besteht nicht darin, einen absoluten „Gewinner“ zu suchen, sondern zu prüfen, was jede Zahl tatsächlich misst und was sie außer Acht lässt.
Der Livret A lässt sich hier nicht seriös vergleichen: In den verwendeten Quellen ist keine Zehnjahresrendite dokumentiert. Gleiches gilt für Immobilien, obwohl diese Frage häufig gestellt wird. Es ist besser, diese Grenze anzuerkennen, als einen künstlichen Vergleich zu konstruieren.
Warum ein Whisky-Index nicht Ihrer persönlichen Rendite entspricht
Rare Whisky 101 verfolgt den Wert von Sammlerflaschen mit einer Methodik, die einem Börsenindex ähnelt. Der Dienst unterscheidet unter anderem Marktindizes, Indizes für bestimmte Brennereien und Indizes für einzelne Sammlungen. Seine Datenbank umfasst 235 Brennereien, 90.443 Flaschen und mehr als 1,62 Millionen Datensätze.
Diese Datentiefe ist nützlich, um einen Markt zu beobachten, löst aber das Hauptproblem des Anlegers nicht: Ein Index übernimmt weder Anschaffungskosten noch Verkaufsprovisionen und berücksichtigt auch keine Unterschiede beim Zustand oder bei den Lagerbedingungen. Zwei Flaschen mit derselben Referenz können daher zu unterschiedlichen Preisen weiterverkauft werden.
Genau das unterscheidet Whisky auch von einer klassischen Depotposition. Eine börsennotierte Aktie hat einen sichtbaren Marktpreis und organisierte Liquidität. Für eine physische Flasche muss ein Käufer gefunden werden, sie muss bewertet und in einem als zufriedenstellend angesehenen Zustand akzeptiert werden. Die Bruttorendite eines Index ist daher ein Richtwert und kein garantiertes Ergebnis auf Ihrem Konto.
Rekordpreise in Millionenhöhe sollten nicht als Vorbild dienen
Spektakuläre Verkäufe verstärken das Bild eines Marktes, auf dem jede seltene Flasche irgendwann im Wert explodiert. Anfang 2024 wurde eine Flasche The Emerald Isle, ein 30 Jahre alter dreifach destillierter Single Malt, für rund 2,43 Millionen Euro gekauft. Einige Monate zuvor, im November 2023, war eine Flasche The Macallan 1926 in London für 2,5 Millionen Euro verkauft worden.
Diese Rekorde belegen die Existenz eines extrem hochpreisigen Segments, sagen aber nichts darüber aus, zu welchem Preis eine erschwinglichere Flasche weiterverkauft werden kann. Das ist ein entscheidender Unterschied. Ein Markt kann außergewöhnliche Auktionsergebnisse hervorbringen und zugleich für mittlere Preisklassen deutlich schwieriger bleiben.
Anleitung: investieren, ohne Sammelleidenschaft mit Gewinnversprechen zu verwechseln
1. Mit Daten beginnen, nicht mit Verkaufsargumenten
Prüfen Sie vor dem Kauf, ob die Flasche oder die Brennerei von einem anerkannten Index erfasst wird und ob historische Wertdaten vorhanden sind. Rare Whisky 101 wird unter anderem für Bewertungen durch private Sammler, Banken, Notare, große Nachlässe und Versicherungsunternehmen genutzt. Das garantiert keine künftige Wertentwicklung, bietet aber einen solideren Rahmen als ein bloßes Verkaufsargument.
2. Verdeckte Kosten sofort einrechnen
Ein ausgewiesener Preisanstieg ist kein Nettogewinn. Verkaufsprovisionen, kaufbezogene Kosten, Lagerbedingungen und der Zustand der Flasche können das Endergebnis deutlich schmälern. Sinnvoll ist daher, mit dem Preis zu rechnen, zu dem Sie tatsächlich weiterverkaufen könnten, und nicht nur mit der Kurve eines Index.
3. Den Ausstieg vor dem Kauf planen
Rare Whisky 101 unterscheidet zudem zwischen Flaschen, die mehr Liquidität bieten, und Fässern, denen eher langfristiges Gewinnpotenzial zugeschrieben wird. Für Privatanleger ist dieser Unterschied entscheidend: Ein Vermögenswert, der theoretisch an Wert gewinnt, sich aber schlecht verkaufen lässt, kann Kapital viel länger binden als erwartet.
4. Zu schöne Zahlen ablehnen, wenn ihre Herkunft fragwürdig ist
Einige kommerzielle Websites nennen noch beeindruckendere Renditen, etwa +890 % in zwanzig Jahren oder eine Outperformance von 280 % gegenüber dem S&P 500 in zehn Jahren. Diese Zahlen werden hier nicht durch eine überprüfbare Primärquelle bestätigt. Sie können Anlass für weitere Recherchen sein, reichen aber nicht als Grundlage für eine Investitionsentscheidung.
Steuern, Rechtmäßigkeit und Fälschungen: Hier ist besondere Vorsicht nötig
Für jemanden, der konkret investieren möchte, ist dies der unbefriedigendste Punkt: Aus den verfügbaren Quellen lässt sich weder das in Frankreich für den Wiederverkauf von Sammlerwhisky geltende Steuersystem genau ableiten noch die detaillierten Regeln zu Mehrwertsteuer oder Kapitalgewinnen. Auch ein vollständiges Verfahren für einen legalen Wiederverkauf in Frankreich wird dort nicht dokumentiert.
Dieselbe Vorsicht gilt für seltene Fälschungen und Nachahmungen. Ein zuverlässiges Authentifizierungsverfahren ist hier nicht dokumentiert. Es wäre daher unklug, eine Liste „unfehlbarer Anzeichen“ zu präsentieren. Vernünftig ist es, Echtheit, Herkunft, Zustand und Wiederverkaufsbedingungen vor jedem größeren Kauf überprüfen zu lassen, statt anhand einiger Fotos zu improvisieren.
In der Praxis bedeutet das: Vor einer bedeutenden Transaktion sollten die steuerlichen Folgen und die genauen Bedingungen des Wiederverkaufs mit einem kompetenten Fachmann geklärt werden. Whisky kann der Diversifikation dienen; einen klaren rechtlichen und steuerlichen Rahmen ersetzt er nicht.
Also: eine bessere Anlage als die Börse? Nicht so schnell
Seltener Whisky hat ein starkes Zahlenargument: mehr als 190 % Wertzuwachs in zehn Jahren laut Knight Frank Luxury Investment Index. Das ist hoch genug, um das Interesse daran zu erklären. Diese Performance muss jedoch mit ihren Grenzen gelesen werden: Sie enthält nicht alle Kosten des Käufers, garantiert keine Liquidität und schützt weder vor einer schlechten Auswahl noch vor Problemen mit der Echtheit.
Im Vergleich zum CAC 40 oder zu Gold ist Whisky also nicht einfach „besser“ oder „schlechter“. Er funktioniert anders. Meiner Ansicht nach ist sein sinnvollster Platz der eines alternativen Vermögenswerts zur Diversifikation, beschränkt auf einen Teil des Vermögens, den man binden kann und dessen Einschränkungen man versteht. Eine seltene Flasche kann einen Index in einem bestimmten Zeitraum schlagen; sie ersetzt deshalb noch lange nicht die Einfachheit, Transparenz und Liquidität einer klassischen Finanzanlage.
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