Die Illusion des Multitaskings: Warum Ihr Gehirn schlecht jongliert
Man hat es uns als Fähigkeit verkauft. Mehrere Aufgaben gleichzeitig zu erledigen, zwischen Tabs hin und her zu springen, während einer Besprechung auf eine Nachricht zu antworten oder beim Schreiben eines Berichts einen Podcast zu hören. Multitasking gilt als Kennzeichen effizienter Menschen, schneller Denker und all jener, die keine Sekunde verlieren.
Es gibt nur ein Problem: Genau das tut Ihr Gehirn nicht. Und die Zahlen sind in diesem Fall ziemlich vernichtend.
Ihr Gehirn erledigt nicht zwei Dinge gleichzeitig — es wechselt nur sehr schnell zwischen ihnen
Dieser Unterschied ist grundlegend. Wenn Sie glauben, zwei Dinge gleichzeitig zu tun, springt Ihr Gehirn in Wirklichkeit rasch von einer zur anderen. Dieses Phänomen heißt Task-Switching — Aufgabenwechsel. Die frontoparietalen Regionen des Gehirns, die für Aufmerksamkeit und exekutive Kontrolle zuständig sind, müssen bei jedem Wechsel eine Gruppe mentaler Repräsentationen lösen, die Rückstände der vorherigen Aufgabe beseitigen und einen neuen kognitiven Kontext laden.
Das ist kein Multitasking. Es ist sehr schnelles Jonglieren — mit Gegenständen, die bei jedem Wechsel aneinanderstoßen.
Neuroimaging-Studien haben gezeigt, dass diese frontoparietalen Regionen bei Wechseln stärker arbeiten als bei anhaltender Aufmerksamkeit auf nur eine Aufgabe. Der Aufwand sinkt nicht, er steigt. Das Gehirn verbraucht mehr Energie damit, überall zugleich sein zu wollen, als damit, konzentriert zu bleiben.
23 Minuten und 15 Sekunden: die tatsächlichen Kosten einer Unterbrechung
Diese Zahl hat Gloria Mark, Professorin für Informatik an der University of California, Irvine, nach mehr als zwei Jahrzehnten Forschung zur Aufmerksamkeit am Arbeitsplatz ermittelt. Nach einer digitalen Unterbrechung — einer Benachrichtigung, einer Nachricht oder einem kurzen Blick in soziale Netzwerke — dauert es im Durchschnitt 23 Minuten und 15 Sekunden, bis man bei einer komplexen Aufgabe wieder tiefe Konzentration erreicht.
Dreiundzwanzig Minuten. Für eine Unterbrechung von nur wenigen Sekunden.
Das ist weder eine Charakterschwäche noch mangelnde Willenskraft. Es ist die Mechanik des Gehirns. Jede komplexe Aufgabe erzeugt ein mentales Modell — eine aktive Repräsentation dessen, was wir gerade tun, des Kontexts und der Teilziele. Eine Unterbrechung löscht dieses Modell. Es wieder aufzubauen kostet Zeit und Energie und erzeugt messbaren Stress: Studien zeigen einen Anstieg des Blutdrucks nach wiederholten Unterbrechungen.
Die Forscherin stellte außerdem fest, dass wir im Durchschnitt alle 10 Minuten und 29 Sekunden den Arbeitsbereich wechseln und an einem Arbeitstag mit nicht weniger als 12,2 verschiedenen Themenfeldern jonglieren. Dieser zerstückelte Rhythmus ist zu unserer Norm geworden — ohne dass wir merken, was er uns kostet.
Bis zu 40 % weniger Produktivität — ohne es zu bemerken
Von der American Psychological Association zusammengetragene Forschungsergebnisse schätzen, dass häufiges Task-Switching die Produktivität um bis zu 40 % senken kann. Besonders tückisch ist, dass wir diesen Verlust nicht wahrnehmen. Wir haben das Gefühl voranzukommen. Auf unserer Liste erledigter Dinge sammeln sich Aufgaben. Doch Qualität und Tiefe der Arbeit werden geopfert.
Eine 2024 in Frontiers in Psychiatry veröffentlichte Studie kam zu noch beunruhigenderen Ergebnissen: Chronisches digitales Multitasking hängt mit eingeschränkten exekutiven Funktionen, schwächerem Arbeitsgedächtnis, größeren Schwierigkeiten beim Herausfiltern irrelevanter Informationen und stärkerer mentaler Ermüdung zusammen. Multitasking macht uns nicht nur während seiner Ausübung weniger leistungsfähig — es könnte unsere Konzentrationsfähigkeit dauerhaft beeinträchtigen.
Die 2,5 %, die es wirklich können (und warum Sie wahrscheinlich nicht dazugehören)
Es gibt sogenannte Supertasker: Menschen — laut Studien etwa 2,5 % der Bevölkerung —, die neurologisch in der Lage sind, zwei anspruchsvolle kognitive Informationsströme parallel zu verarbeiten, ohne messbar an Leistung zu verlieren. Ihr Gehirn arbeitet bei Wechseln anders und zeigt eine ungewöhnlich geringe frontoparietale Aktivität.
Das Paradoxe daran? Menschen, die sich selbst für besonders gut im Multitasking halten, sind statistisch gesehen am wenigsten effizient darin. Forschende der University of Utah haben gezeigt: Je besser Sie sich im Jonglieren mit Aufgaben einschätzen, desto häufiger tun Sie es — und desto schlechter sind Sie tatsächlich darin.
Wir überschätzen unsere Chance, zu diesen 2,5 % zu gehören. Es ist eine besonders hartnäckige Kompetenzillusion.
Warum machen wir trotzdem weiter?
Die Antwort ist ebenso neurochemisch wie kulturell. Jede bearbeitete Benachrichtigung, jede abgehakte Aufgabe und jeder schnelle Wechsel von einem Tab zum anderen löst eine kleine Dosis Dopamin aus. Die Unterbrechung belohnt sofort. Tiefe Konzentration verlangt dagegen, diesen Mikrobelohnungen zu widerstehen, um später eine größere und substanziellere Befriedigung zu erhalten.
In einer digitalen Umgebung, die auf möglichst viele Unterbrechungen ausgelegt ist — Echtzeit-Benachrichtigungen, endlose Feeds und Arbeitsbereiche, die auf Dutzende Werkzeuge verteilt sind — befindet sich unser Gehirn strukturell im Krieg mit sich selbst. Plattformen leben von unserer Unfähigkeit, konzentriert zu bleiben. Das ist kein Designfehler.
Was das ganz konkret verändert
Die Mechanik zu verstehen reicht nicht aus, um Gewohnheiten zu ändern, ist aber ein ehrlicher Ausgangspunkt. Aus der Forschung ergeben sich einige praktische Konsequenzen:
- Eine „kurze“ Unterbrechung gibt es nicht. Eine Nachricht in 10 Sekunden zu beantworten kann 20 Minuten wiederaufzubauender Konzentration kosten. Diese Rechnung sollte man bewusst aufmachen.
- Multitasking ist bei automatisierten Tätigkeiten vertretbar. Beim Abwaschen Musik hören: kein Problem. Einen Bericht schreiben und gleichzeitig E-Mails beantworten: eine Illusion von Effizienz, in Wirklichkeit mittelmäßige Ergebnisse bei beidem.
- Monotasking hat soziale Kosten. In Arbeitskulturen, die ständige Reaktionsbereitschaft belohnen, ist die Entscheidung, sich zu konzentrieren, fast ein subversiver Akt. Sie bedeutet, unmittelbare Erwartungen zu enttäuschen, um langfristig etwas Besseres zu liefern.
Die Neurowissenschaft predigt keine digitale Askese. Sie sagt lediglich: Ihr Gehirn ist für eine Sache nach der anderen gemacht und funktioniert hervorragend, wenn man ihm genau das zutraut. Alles andere ist Performance — im theatralischen Sinn des Wortes.
Vielleicht besteht der wahre Luxus von morgen nicht darin, schneller zu werden, sondern bei einer Sache verweilen zu können.
Die Illusion des Multitaskings: Warum Ihr Gehirn schlecht jongliert
Man hat es uns als Fähigkeit verkauft. Mehrere Aufgaben gleichzeitig zu erledigen, zwischen Tabs hin und her zu springen, während einer Besprechung auf eine Nachricht zu antworten oder beim Schreiben eines Berichts einen Podcast zu hören. Multitasking gilt als Kennzeichen effizienter Menschen, schneller Denker und all jener, die keine Sekunde verlieren.
Es gibt nur ein Problem: Genau das tut Ihr Gehirn nicht. Und die Zahlen sind in diesem Fall ziemlich vernichtend.
Ihr Gehirn erledigt nicht zwei Dinge gleichzeitig — es wechselt nur sehr schnell zwischen ihnen
Dieser Unterschied ist grundlegend. Wenn Sie glauben, zwei Dinge gleichzeitig zu tun, springt Ihr Gehirn in Wirklichkeit rasch von einer zur anderen. Dieses Phänomen heißt Task-Switching — Aufgabenwechsel. Die frontoparietalen Regionen des Gehirns, die für Aufmerksamkeit und exekutive Kontrolle zuständig sind, müssen bei jedem Wechsel eine Gruppe mentaler Repräsentationen lösen, die Rückstände der vorherigen Aufgabe beseitigen und einen neuen kognitiven Kontext laden.
Das ist kein Multitasking. Es ist sehr schnelles Jonglieren — mit Gegenständen, die bei jedem Wechsel aneinanderstoßen.
Neuroimaging-Studien haben gezeigt, dass diese frontoparietalen Regionen bei Wechseln stärker arbeiten als bei anhaltender Aufmerksamkeit auf nur eine Aufgabe. Der Aufwand sinkt nicht, er steigt. Das Gehirn verbraucht mehr Energie damit, überall zugleich sein zu wollen, als damit, konzentriert zu bleiben.
23 Minuten und 15 Sekunden: die tatsächlichen Kosten einer Unterbrechung
Diese Zahl hat Gloria Mark, Professorin für Informatik an der University of California, Irvine, nach mehr als zwei Jahrzehnten Forschung zur Aufmerksamkeit am Arbeitsplatz ermittelt. Nach einer digitalen Unterbrechung — einer Benachrichtigung, einer Nachricht oder einem kurzen Blick in soziale Netzwerke — dauert es im Durchschnitt 23 Minuten und 15 Sekunden, bis man bei einer komplexen Aufgabe wieder tiefe Konzentration erreicht.
Dreiundzwanzig Minuten. Für eine Unterbrechung von nur wenigen Sekunden.
Das ist weder eine Charakterschwäche noch mangelnde Willenskraft. Es ist die Mechanik des Gehirns. Jede komplexe Aufgabe erzeugt ein mentales Modell — eine aktive Repräsentation dessen, was wir gerade tun, des Kontexts und der Teilziele. Eine Unterbrechung löscht dieses Modell. Es wieder aufzubauen kostet Zeit und Energie und erzeugt messbaren Stress: Studien zeigen einen Anstieg des Blutdrucks nach wiederholten Unterbrechungen.
Die Forscherin stellte außerdem fest, dass wir im Durchschnitt alle 10 Minuten und 29 Sekunden den Arbeitsbereich wechseln und an einem Arbeitstag mit nicht weniger als 12,2 verschiedenen Themenfeldern jonglieren. Dieser zerstückelte Rhythmus ist zu unserer Norm geworden — ohne dass wir merken, was er uns kostet.
Bis zu 40 % weniger Produktivität — ohne es zu bemerken
Von der American Psychological Association zusammengetragene Forschungsergebnisse schätzen, dass häufiges Task-Switching die Produktivität um bis zu 40 % senken kann. Besonders tückisch ist, dass wir diesen Verlust nicht wahrnehmen. Wir haben das Gefühl voranzukommen. Auf unserer Liste erledigter Dinge sammeln sich Aufgaben. Doch Qualität und Tiefe der Arbeit werden geopfert.
Eine 2024 in Frontiers in Psychiatry veröffentlichte Studie kam zu noch beunruhigenderen Ergebnissen: Chronisches digitales Multitasking hängt mit eingeschränkten exekutiven Funktionen, schwächerem Arbeitsgedächtnis, größeren Schwierigkeiten beim Herausfiltern irrelevanter Informationen und stärkerer mentaler Ermüdung zusammen. Multitasking macht uns nicht nur während seiner Ausübung weniger leistungsfähig — es könnte unsere Konzentrationsfähigkeit dauerhaft beeinträchtigen.
Die 2,5 %, die es wirklich können (und warum Sie wahrscheinlich nicht dazugehören)
Es gibt sogenannte Supertasker: Menschen — laut Studien etwa 2,5 % der Bevölkerung —, die neurologisch in der Lage sind, zwei anspruchsvolle kognitive Informationsströme parallel zu verarbeiten, ohne messbar an Leistung zu verlieren. Ihr Gehirn arbeitet bei Wechseln anders und zeigt eine ungewöhnlich geringe frontoparietale Aktivität.
Das Paradoxe daran? Menschen, die sich selbst für besonders gut im Multitasking halten, sind statistisch gesehen am wenigsten effizient darin. Forschende der University of Utah haben gezeigt: Je besser Sie sich im Jonglieren mit Aufgaben einschätzen, desto häufiger tun Sie es — und desto schlechter sind Sie tatsächlich darin.
Wir überschätzen unsere Chance, zu diesen 2,5 % zu gehören. Es ist eine besonders hartnäckige Kompetenzillusion.
Warum machen wir trotzdem weiter?
Die Antwort ist ebenso neurochemisch wie kulturell. Jede bearbeitete Benachrichtigung, jede abgehakte Aufgabe und jeder schnelle Wechsel von einem Tab zum anderen löst eine kleine Dosis Dopamin aus. Die Unterbrechung belohnt sofort. Tiefe Konzentration verlangt dagegen, diesen Mikrobelohnungen zu widerstehen, um später eine größere und substanziellere Befriedigung zu erhalten.
In einer digitalen Umgebung, die auf möglichst viele Unterbrechungen ausgelegt ist — Echtzeit-Benachrichtigungen, endlose Feeds und Arbeitsbereiche, die auf Dutzende Werkzeuge verteilt sind — befindet sich unser Gehirn strukturell im Krieg mit sich selbst. Plattformen leben von unserer Unfähigkeit, konzentriert zu bleiben. Das ist kein Designfehler.
Was das ganz konkret verändert
Die Mechanik zu verstehen reicht nicht aus, um Gewohnheiten zu ändern, ist aber ein ehrlicher Ausgangspunkt. Aus der Forschung ergeben sich einige praktische Konsequenzen:
- Eine „kurze“ Unterbrechung gibt es nicht. Eine Nachricht in 10 Sekunden zu beantworten kann 20 Minuten wiederaufzubauender Konzentration kosten. Diese Rechnung sollte man bewusst aufmachen.
- Multitasking ist bei automatisierten Tätigkeiten vertretbar. Beim Abwaschen Musik hören: kein Problem. Einen Bericht schreiben und gleichzeitig E-Mails beantworten: eine Illusion von Effizienz, in Wirklichkeit mittelmäßige Ergebnisse bei beidem.
- Monotasking hat soziale Kosten. In Arbeitskulturen, die ständige Reaktionsbereitschaft belohnen, ist die Entscheidung, sich zu konzentrieren, fast ein subversiver Akt. Sie bedeutet, unmittelbare Erwartungen zu enttäuschen, um langfristig etwas Besseres zu liefern.
Die Neurowissenschaft predigt keine digitale Askese. Sie sagt lediglich: Ihr Gehirn ist für eine Sache nach der anderen gemacht und funktioniert hervorragend, wenn man ihm genau das zutraut. Alles andere ist Performance — im theatralischen Sinn des Wortes.
Vielleicht besteht der wahre Luxus von morgen nicht darin, schneller zu werden, sondern bei einer Sache verweilen zu können.
Die Illusion des Multitaskings: Warum Ihr Gehirn schlecht jongliert
Man hat es uns als Fähigkeit verkauft. Mehrere Aufgaben gleichzeitig zu erledigen, zwischen Tabs hin und her zu springen, während einer Besprechung auf eine Nachricht zu antworten oder beim Schreiben eines Berichts einen Podcast zu hören. Multitasking gilt als Kennzeichen effizienter Menschen, schneller Denker und all jener, die keine Sekunde verlieren.
Es gibt nur ein Problem: Genau das tut Ihr Gehirn nicht. Und die Zahlen sind in diesem Fall ziemlich vernichtend.
Ihr Gehirn erledigt nicht zwei Dinge gleichzeitig — es wechselt nur sehr schnell zwischen ihnen
Dieser Unterschied ist grundlegend. Wenn Sie glauben, zwei Dinge gleichzeitig zu tun, springt Ihr Gehirn in Wirklichkeit rasch von einer zur anderen. Dieses Phänomen heißt Task-Switching — Aufgabenwechsel. Die frontoparietalen Regionen des Gehirns, die für Aufmerksamkeit und exekutive Kontrolle zuständig sind, müssen bei jedem Wechsel eine Gruppe mentaler Repräsentationen lösen, die Rückstände der vorherigen Aufgabe beseitigen und einen neuen kognitiven Kontext laden.
Das ist kein Multitasking. Es ist sehr schnelles Jonglieren — mit Gegenständen, die bei jedem Wechsel aneinanderstoßen.
Neuroimaging-Studien haben gezeigt, dass diese frontoparietalen Regionen bei Wechseln stärker arbeiten als bei anhaltender Aufmerksamkeit auf nur eine Aufgabe. Der Aufwand sinkt nicht, er steigt. Das Gehirn verbraucht mehr Energie damit, überall zugleich sein zu wollen, als damit, konzentriert zu bleiben.
23 Minuten und 15 Sekunden: die tatsächlichen Kosten einer Unterbrechung
Diese Zahl hat Gloria Mark, Professorin für Informatik an der University of California, Irvine, nach mehr als zwei Jahrzehnten Forschung zur Aufmerksamkeit am Arbeitsplatz ermittelt. Nach einer digitalen Unterbrechung — einer Benachrichtigung, einer Nachricht oder einem kurzen Blick in soziale Netzwerke — dauert es im Durchschnitt 23 Minuten und 15 Sekunden, bis man bei einer komplexen Aufgabe wieder tiefe Konzentration erreicht.
Dreiundzwanzig Minuten. Für eine Unterbrechung von nur wenigen Sekunden.
Das ist weder eine Charakterschwäche noch mangelnde Willenskraft. Es ist die Mechanik des Gehirns. Jede komplexe Aufgabe erzeugt ein mentales Modell — eine aktive Repräsentation dessen, was wir gerade tun, des Kontexts und der Teilziele. Eine Unterbrechung löscht dieses Modell. Es wieder aufzubauen kostet Zeit und Energie und erzeugt messbaren Stress: Studien zeigen einen Anstieg des Blutdrucks nach wiederholten Unterbrechungen.
Die Forscherin stellte außerdem fest, dass wir im Durchschnitt alle 10 Minuten und 29 Sekunden den Arbeitsbereich wechseln und an einem Arbeitstag mit nicht weniger als 12,2 verschiedenen Themenfeldern jonglieren. Dieser zerstückelte Rhythmus ist zu unserer Norm geworden — ohne dass wir merken, was er uns kostet.
Bis zu 40 % weniger Produktivität — ohne es zu bemerken
Von der American Psychological Association zusammengetragene Forschungsergebnisse schätzen, dass häufiges Task-Switching die Produktivität um bis zu 40 % senken kann. Besonders tückisch ist, dass wir diesen Verlust nicht wahrnehmen. Wir haben das Gefühl voranzukommen. Auf unserer Liste erledigter Dinge sammeln sich Aufgaben. Doch Qualität und Tiefe der Arbeit werden geopfert.
Eine 2024 in Frontiers in Psychiatry veröffentlichte Studie kam zu noch beunruhigenderen Ergebnissen: Chronisches digitales Multitasking hängt mit eingeschränkten exekutiven Funktionen, schwächerem Arbeitsgedächtnis, größeren Schwierigkeiten beim Herausfiltern irrelevanter Informationen und stärkerer mentaler Ermüdung zusammen. Multitasking macht uns nicht nur während seiner Ausübung weniger leistungsfähig — es könnte unsere Konzentrationsfähigkeit dauerhaft beeinträchtigen.
Die 2,5 %, die es wirklich können (und warum Sie wahrscheinlich nicht dazugehören)
Es gibt sogenannte Supertasker: Menschen — laut Studien etwa 2,5 % der Bevölkerung —, die neurologisch in der Lage sind, zwei anspruchsvolle kognitive Informationsströme parallel zu verarbeiten, ohne messbar an Leistung zu verlieren. Ihr Gehirn arbeitet bei Wechseln anders und zeigt eine ungewöhnlich geringe frontoparietale Aktivität.
Das Paradoxe daran? Menschen, die sich selbst für besonders gut im Multitasking halten, sind statistisch gesehen am wenigsten effizient darin. Forschende der University of Utah haben gezeigt: Je besser Sie sich im Jonglieren mit Aufgaben einschätzen, desto häufiger tun Sie es — und desto schlechter sind Sie tatsächlich darin.
Wir überschätzen unsere Chance, zu diesen 2,5 % zu gehören. Es ist eine besonders hartnäckige Kompetenzillusion.
Warum machen wir trotzdem weiter?
Die Antwort ist ebenso neurochemisch wie kulturell. Jede bearbeitete Benachrichtigung, jede abgehakte Aufgabe und jeder schnelle Wechsel von einem Tab zum anderen löst eine kleine Dosis Dopamin aus. Die Unterbrechung belohnt sofort. Tiefe Konzentration verlangt dagegen, diesen Mikrobelohnungen zu widerstehen, um später eine größere und substanziellere Befriedigung zu erhalten.
In einer digitalen Umgebung, die auf möglichst viele Unterbrechungen ausgelegt ist — Echtzeit-Benachrichtigungen, endlose Feeds und Arbeitsbereiche, die auf Dutzende Werkzeuge verteilt sind — befindet sich unser Gehirn strukturell im Krieg mit sich selbst. Plattformen leben von unserer Unfähigkeit, konzentriert zu bleiben. Das ist kein Designfehler.
Was das ganz konkret verändert
Die Mechanik zu verstehen reicht nicht aus, um Gewohnheiten zu ändern, ist aber ein ehrlicher Ausgangspunkt. Aus der Forschung ergeben sich einige praktische Konsequenzen:
- Eine „kurze“ Unterbrechung gibt es nicht. Eine Nachricht in 10 Sekunden zu beantworten kann 20 Minuten wiederaufzubauender Konzentration kosten. Diese Rechnung sollte man bewusst aufmachen.
- Multitasking ist bei automatisierten Tätigkeiten vertretbar. Beim Abwaschen Musik hören: kein Problem. Einen Bericht schreiben und gleichzeitig E-Mails beantworten: eine Illusion von Effizienz, in Wirklichkeit mittelmäßige Ergebnisse bei beidem.
- Monotasking hat soziale Kosten. In Arbeitskulturen, die ständige Reaktionsbereitschaft belohnen, ist die Entscheidung, sich zu konzentrieren, fast ein subversiver Akt. Sie bedeutet, unmittelbare Erwartungen zu enttäuschen, um langfristig etwas Besseres zu liefern.
Die Neurowissenschaft predigt keine digitale Askese. Sie sagt lediglich: Ihr Gehirn ist für eine Sache nach der anderen gemacht und funktioniert hervorragend, wenn man ihm genau das zutraut. Alles andere ist Performance — im theatralischen Sinn des Wortes.
Vielleicht besteht der wahre Luxus von morgen nicht darin, schneller zu werden, sondern bei einer Sache verweilen zu können.
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