Was, wenn die Solarmodule, die wir seit Jahrzehnten kennen, kurz davor stehen, veraltet zu sein? Ein Schweizer Forscherteam hat gerade eine symbolische Schwelle überschritten, die das weltweite Solarenergie-Landschaft neu gestalten könnte. Mit einem zertifizierten Wirkungsgrad von 30,02 % setzt die von EPFL und CSEM entwickelte Perowskit-Silizium-Dreifach-Tandemzelle einen neuen Rekord und eröffnet beispiellose Perspektiven für die Energiewende.
Was ist eine Perowskitzelle und warum spricht alle davon?
Klassische Solarzellen basieren fast ausschließlich auf Silizium, einem bewährten Material, dessen Wirkungsgrad im Labor bei etwa 26 bis 27 % ein Plateau erreicht. Perowskite, eine Familie synthetischer Mineralien, deren einzigartige Kristallstruktur Licht bemerkenswert effizient einfängt, gelten als die vielversprechendste Alternative, die in den letzten zehn Jahren erforscht wurde.
Die Idee, Perowskite und Silizium in derselben Zelle zu kombinieren – als Tandem-Zelle bezeichnet – ist nicht neu. Das Prinzip ist elegant: Die obere Perowskitschicht absorbiert kurzwelliges Licht (sichtbares Licht), während das darunter liegende Silizium langwelligeres Licht (Infrarot) verarbeitet. Ergebnis: Ein wesentlich größerer Teil des Sonnenspektrums wird genutzt als mit einem einzigen Material.
Das Schweizer Team ging jedoch noch weiter, indem es eine dritte Perowskitschicht hinzufügte und damit eine sogenannte Dreifach-Tandemzelle schuf. Diese Drei-Schichten-Architektur ermöglichte es, die symbolische 30%-Schwelle zu überschreiten.
Drei Schlüsselinnovationen hinter diesem Rekord
Das im März 2026 in der Zeitschrift Nature veröffentlichte Ergebnis ist kein Zufall. Das Team unter der Leitung von Professor Christophe Ballif löste drei große technologische Hürden, die bisher die Leistung von Dreifach-Tandemzellen limitierten.
Der erste Fortschritt betrifft die Qualität der Perowskitkristalle. Die Forscher identifizierten ein Molekül, das die Kristallbildung steuern und Defekte auf atomarer Ebene eliminieren kann. Diese Verbesserung ermöglicht es der obersten Zelle, unter Beleuchtung eine Spannung von 1,4 Volt zu erzeugen – eine bemerkenswerte Zahl für diesen Materialtyp.
Die zweite Innovation betrifft die mittlere Zelle. Ein neues dreistufiges Herstellungsverfahren verbessert die Lichtabsorption im nahen Infrarotbereich erheblich – einem Spektralbereich, der bisher meist ungenutzt blieb.
Schließlich ermöglicht die Integration von Nanopartikeln zwischen der Siliziumzelle und der mittleren Zelle, mehr Licht in Richtung der letzteren zu reflektieren, wodurch der erzeugte Strom ohne zusätzliche Schicht erhöht wird.
Weltraum-Solartechnik zu irdischen Preisen
Bisher wurden Solarzellen mit über 30 % Wirkungsgrad aus sogenannten III-V-Halbleitern hergestellt – extrem teuren Materialien, die Satelliten und Weltraummissionen vorbehalten sind. Die Produktionskosten eines auf diesen Technologien basierenden Panels können mehrere hundert Euro pro Watt erreichen, verglichen mit weniger als 0,20 Euro pro Watt für herkömmliches Silizium.
Der wesentliche Vorteil des Perowskit-Silizium-Ansatzes liegt genau in seinen potenziell deutlich niedrigeren Kosten. Perowskite werden aus reichlich vorhandenen und günstigen Materialien synthetisiert, und ihre Dünnschichtabscheidung erfordert vergleichsweise einfache industrielle Verfahren. Branchenschätzungen zufolge könnten Perowskit-Silizium-Tandemmodule bei vergleichbarem Wirkungsgrad 30 bis 50 % günstiger sein als herkömmliche Panels.
Das bedeutet, dass ein 30%iger Wirkungsgrad nicht nur für die Raumfahrtindustrie, sondern auch für Wohnhausdächer, Freiflächenanlagen und sogar Elektrofahrzeuge mit integrierten Panels zugänglich werden könnte.
Das Rennen zur Kommerzialisierung hat begonnen
Während der Rekord der EPFL einen wichtigen wissenschaftlichen Meilenstein markiert, tobt der Industriewettbewerb parallel dazu. Mehrere große Akteure positionieren sich, um als erste Perowskit-Panels in großem Maßstab anzubieten.
In Europa hat Oxford PV, ein Spin-off der Universität Oxford, bereits begonnen, erste Tandem-Panels aus seinem deutschen Werk in Brandenburg zu versenden. Mit einem Wirkungsgrad von 24,5 % bei 72-Zell-Modulen belegt das britische Start-up, dass die Technologie industriell realisierbar ist.
Doch China führt das Rennen in der Menge an. Vier chinesische Unternehmen verkaufen bereits Megawatt-Perowskit-Panels – mehr als der Rest der Welt zusammen. GCL Perovskite und UtmoLight bereiten Gigawatt-Produktionslinien vor, während Jinko Solar bis Jahresende einen Wirkungsgrad von 34 % anstrebt. Der Konzern Trinasolar hat zudem einen exklusiven Lizenzvertrag mit Oxford PV abgeschlossen, um Perowskit-Produkte auf dem chinesischen Markt herzustellen und zu vertreiben.
In Südkorea hat Qcells 100 Millionen Dollar in eine dedizierte Produktionslinie für Tandemzellen investiert, mit ersten Lieferungen im zweiten Halbjahr 2026.
Noch zu überwindende Herausforderungen
Trotz dieser spektakulären Fortschritte bleiben mehrere Hindernisse bestehen, bevor Perowskit-Panels das Silizium auf unseren Dächern ersetzen. Die größte Herausforderung bleibt die Langzeitstabilität. Perowskitzellen degradieren bei Exposition gegenüber Feuchtigkeit, Wärme und UV-Strahlung schneller als Silizium. Auch hier wurden bedeutende Fortschritte erzielt: Die neuesten anorganischen Zellen haben einen stabilen Betrieb über mehrere hundert Stunden demonstriert, aber die 25 bis 30 Jahre Garantie aktueller Silizium-Panels ist noch weit entfernt.
Eine weitere Herausforderung betrifft die Skalierung auf industrielle Produktion. Eine Rekord-Zelle im Labor auf wenigen Quadratzentimetern herzustellen ist eine Sache; diese Leistung gleichmäßig auf Module von mehreren Quadratmetern zu übertragen eine andere. Abscheideverfahren müssen verfeinert werden, um Schichthomogenität auf großen Flächen zu gewährleisten.
Schließlich wirft die Bleigiftigkeit, die in den meisten Perowskit-Formulierungen vorhanden ist, Umweltbedenken auf. Forschungen zur Entwicklung bleifreier Perowskite laufen, aber die Leistung ist derzeit noch geringer.
Was dies für die Energiewende bedeutet
Das Überschreiten der 30%-Schwelle ist nicht bloß eine Zahl in einem wissenschaftlichen Artikel. Es stellt einen potenziellen Wendepunkt für die gesamte Solarbranche dar. Mit einem um ein Drittel höheren Wirkungsgrad als herkömmliche Panels und rasch sinkenden Produktionskosten könnte Perowskit-Silizium-Technologie den weltweiten Ausbau der Solarenergie erheblich beschleunigen.
Konkret würde ein Tandem-Panel gleicher Größe wie ein herkömmliches Panel etwa 20 bis 30 % mehr Strom erzeugen. Für einen Privathaushalt kann das bedeuten: weniger Panels auf dem Dach nötig oder Energieautonomie leichter erreichbar. Für Betreiber von Solarparks verspricht es eine bessere Rentabilität pro Hektar.
Branchenanalysten schätzen, dass der Perowskit-Zellen-Markt bis 2030 10 Milliarden Dollar übersteigen könnte, wenn die Haltbarkeitsprobleme gelöst werden. Der nächste entscheidende Schritt wird die Zertifizierung von Perowskit-Modulen mit einer Garantie von 20 Jahren oder mehr sein – eine psychologische und kommerzielle Schwelle, die die Türen zum Massenmarkt öffnet.
In der Zwischenzeit hat die wissenschaftliche Gemeinschaft bereits 35 % Wirkungsgrad für Dreifach-Tandemzellen im Visier. Wenn dieser Meilenstein in den nächsten Jahren erreicht wird, könnte Solarenergie nicht nur zur am weitesten verbreiteten erneuerbaren Energie werden, sondern auch zur günstigsten, die die Menschheit je erzeugt hat.
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